Essay 32: 15.06.1972: Wenn die Kugel ihre Fallhöhe nicht verliert – der dreifache Polizistenmord von Oberhausen und die lebenslangen Ermittlungen einer Tochter.

15.06.1972 – Wenn die Kugel ihre Fallhöhe nicht verliert – der dreifache Polizistenmord von Oberhausen und die lebenslangen Ermittlungen einer Tochter.

Die Akte ist staubig, die Täter sind längst Geschichte, und der dreifache Polizistenmord von Oberhausen ist ein Kapitel in den Kriminalbüchern der Polizei des Landes NRW. 

Doch wer den Tatort wirklich untersuchen will, darf nicht in den Archiven der Polizei suchen. Er muss in das Wohnzimmer einer zweiundzwanzigjährigen Witwe blicken. Er muss die unsichtbaren Linien ziehen von den Schüssen auf einen Vierundzwanzigjährigen, der morgens die Haustür hinter sich schloss, hin zu dem Herzschlag eines zweijährigen Kindes und eines ungeborenen Babys. Ein Verbrechen endet nicht, wenn die Schüsse verhallen. Es beginnt dort erst seine eigentliche, lautlose Arbeit.

In der offiziellen Berichterstattung jener Tage ging es um Tathergänge, um die Familie Girod, um Waffen und um das Versagen von Sicherheitsvorkehrungen. Die Stadt hielt den Atem an, die Zeitungen druckten Sonderausgaben. Doch die Spurensicherung der Psychologie stellt andere Fragen. Sie fragt nach dem ungesehenen Kollateralschaden. 

Wenn eine Kugel einen vierundzwanzigjährigen Mann niederstreckt, bleibt sie nicht in der Vergangenheit stecken. Sie reißt tiefe Wunden in ein ganzes Beziehungsgeflecht, die noch Jahrzehnte später schmerzen. 

Sie beraubt eine zweiundzwanzigjährige Frau ihrer Zukunft und zwingt sie über Nacht in die Rolle einer traumatisierten Witwe, die zwischen der Trauer um ihren Mann und der Verantwortung für ein Kleinkind und ein ungeborenes Leben zerrissen wird. 

Ein zweijähriges Kind besitzt feine Antennen für die Statik seiner Welt. Wenn die Mutter in sich zusammenbricht, gerät das Fundament des Kindes ins Wanken. Es atmet das bleierne Schweigen ein, spürt das plötzliche Zittern der mütterlichen Hand und verliert im selben Moment ein Stück seiner kindlichen Unbeschwertheit. Das Nervensystem vergisst nicht – lange bevor der Verstand Worte für das Unfassbare findet.

Das Verbrechen forderte ein weiteres, unsichtbares Opfer. Meine Mutter verlor das ungeborene Kind. Die Last des Schocks war zu groß für einen beginnenden Körper. Doch die Tat ging weiter, Tag für Tag, auch inmitten in unserer damaligen Heimatstadt Emmerich. 

Zu der bleiernen Schwere des Verlusts gesellte sich das unerträgliche Rauschen des Umfelds. Die Schlagzeilen in den Zeitungen, die mitleidigen, aber auch neugierigen Blicke beim Einkaufen, so erzählte mir meine Mutter, das Tuscheln hinter vorgehaltener Hand. Emmerich wurde ihr zu eng. Die Stadt, die eigentlich Heimat sein sollte, wurde zum Gefängnis aus Erwartungen und fremdem Entsetzen. Meine Mutter hielt es nicht mehr aus. Sie floh. Sie packte ein zweijähriges Kind und versuchte, den Tatort ihrer Erinnerung hinter sich zu lassen.

Aber man kann vor einem Trauma nicht fliehen, wenn man es im eigenen Herzen trägt. Meine Mutter hat den Tod meines Vaters nie verwunden. Sie trug die Trümmer jenes Junitages neunundzwanzig Jahre lang mit sich fort – ein unsichtbares, schweres Gepäck, das sie nie ganz ablegen durfte. 

Wenn die Seele schweigen muss, kennt der Körper die Sprache der Psychosomatik. 

Im Alter von nur 51 Jahren starb meine Mutter an Krebs. Das Wort „zerfressen“ ist in der Medizin ein brutales Bild – in der Rekonstruktion unserer Familiengeschichte ist es die nackte Wahrheit. Der Krebs vollendete aus meiner Sicht im Jahr 2002, was die Schüsse in Oberhausen 1972 begonnen hatten. 

Das Verbrechen hinterlässt Schleifen. Unbewusst neigen wir dazu, die ungelösten Fälle unserer Eltern zu übernehmen. Ich tat das auf die radikalste Weise: Ich wurde selbst Polizeibeamtin. Und mein Weg war vorgezeichnet: Ich trat nach meiner Ausbildung meinen Dienst im Polizeipräsidium Oberhausen an. Als Neuling stand ich mit den anderen Kolleginnen und Kollegen in einem großen Besprechungsraum, den Rücken an die Wand gelehnt. Doch während die anderen sich unterhielten, spürte ich eine seltsame Unruhe. Ein unbestimmtes Gefühl, beobachtet zu werden. Ich drehte mich um, sah nach oben – und meine Welt blieb ein weiteres Mal stehen. Genau hinter mir hing das Foto meines Vaters, eingerahmt von den Bildern der beiden anderen erschossenen Beamten jenes Juni-Tages. Es war unmerklich ein Schock, der mich traf wie ein physischer Schlag. Jedes Mal, wenn ich danach durch das Eingangsportal des Präsidiums ging, passierte ich die bronzene Gedenktafel, auf der an den Tod der drei erschossenen Beamten erinnert wurde. Ob sie heute noch dort hängt, entzieht sich meiner Kenntnis. Und in den Fluren traf ich ältere Kollegen, die den Einsatz damals live miterlebt hatten. Sie berichteten mir unter Tränen von den tödlichen Schüssen, vom Chaos in Sterkrade und gaben mir die Details, über die meine Mutter immer geschwiegen hatte.

Ich suchte den Vater und fand sein unaufhörliches Echo. Ich wechselte den Dienstort, ging vom Präsidium in der Innenstadt zur Dienststelle nach Sterkrade – doch auch dort war seine permanente Präsenz unerträglich. Ich stand damals kurz vor der Kündigung. Um zu überleben, wechselte ich radikal die Behörde und ging zur Kriminalpolizei, weg vom Tatort Oberhausen, aber hinein in ein neues System aus Leistung und Aufstieg. Mein Ziel war klar umrissen: Ich wollte Kriminalhauptkommissarin werden. Ich trieb mich selbst an, funktionierte, stieg auf und erreichte mein Ziel. Fast dreißig weitere Jahre verblieb ich in einem Dienst, der mir innerlich immer fremder wurde. Heute weiß ich, wie hoch der Preis war, den ich dafür gezahlt habe. Ein Preis, den ich heute nicht mehr bereit wäre zu zahlen.

Doch der Dienst, der mich meinem Vater näherbringen sollte, konnte mir die Antworten nicht geben, nach denen ich mich so sehnte. Die Uniform, die mich ihm näherbringen sollte, wurde mir irgendwann selbst zu eng. Der Dienst machte mich krank. Ende 2022 zog ich die Reißleine und schied aus der Polizei aus. Es war auch der Tag, an dem ich aufhörte, die Pflichten meines Vaters weiterzuleben.

Wenn ich heute die Ermittlungen meines eigenen Lebens abschließe, verstehe ich das ganze Ausmaß dieses Junitages von 1972. Die Kugeln von Oberhausen töteten meinen Vater sofort. Sie töteten meine Mutter langsam, über Jahrzehnte hinweg. Und sie fesselten mich für dreiunddreißig Jahre an ein System der Pflicht, bis ich meinen Tribut an den Altar der Leistung gezahlt hatte. 

Vielleicht beginnt die wahre Heilung genau dort, wo wir die Akten schließen. Wo ich erkenne, dass ich meinen Vater nicht in den Archiven, nicht in Titeln wie dem der Kriminalhauptkommissarin und nicht im Tragen einer Uniform oder im Verbleib des Systems Polizei finde. Sondern nur und ausschließlich in mir selbst. Ich muss seine Spur nicht mehr auf den Straßen suchen. Ich darf die „innere“ Uniform ablegen. 

Heute, am 15.06.2026, jährt sich das Verbrechen zum 54. Mal. Und ich kann erst heute, als 56-jährige Frau, mit einem tiefen Wissen rückblickend sagen, dass die Akte Sterkrade für mich in genau dem Moment geschlossen wurde, als ich im November 2022 meine Entlassungsurkunde aus dem Polizeidienst unterschrieb. Das war meine persönliche Kündigung des familiären Traumas und der Beginn eines befreiten Lebens. Ich schloss an diesem Tag nicht nur meine Dienstzeit ab, sondern auch die Ermittlungsakte meines eigenen Lebens.