Essay 43: Bitte sehen sie arm aus

Beim Spaziergang vor einigen Tagen beobachtete ich einen Mann, der vor einem städtischen Mülleimer stand und darin nach etwas Brauchbarem suchte. Auf den ersten Blick war er gut gekleidet. Erst beim zweiten Hinsehen fielen die Details auf: die Kleidung, die offenbar schon länger getragen worden war, die Schuhe, die ihre besten Tage längst hinter sich hatten, und sein ungepflegtes Äußeres, das darauf schließen ließ, dass eine Dusche vermutlich schon länger zurücklag. Dieser Mann ist offensichtlich arm.

Ich ging weiter und dachte darüber nach, wie beruhigend offensichtlich Armut sein kann. Wir haben nämlich ziemlich klare Vorstellungen davon, wie ein armer Mensch auszusehen hat. Alte Kleidung, schlechte Schuhe, ungepflegt, vielleicht eine Plastiktüte in der Hand, möglichst irgendwo am Rand der Gesellschaft. Dann wissen wir, woran wir sind: Obdachlos, bedürftig, schwieriges Schicksal. Man kann einen Menschen gedanklich einsortieren und anschließend mit erstaunlich gutem Gewissen weitergehen. Der wirklich arme Mensch soll bitteschön sichtbar arm sein. Dann können wir ihn erkennen. Und vor allem können wir sicher sein, dass er nichts mit uns zu tun hat.

Das Problem beginnt dort, wo Armut anders aussieht. Sie sitzt morgens im Büro, fährt zur Arbeit, trägt saubere Kleidung und achtet peinlich genau darauf, dass niemand bemerkt, wie lange sie schon keine neue gekauft hat. Sie steht an der Supermarktkasse und rechnet im Kopf. Sie sagt Einladungen ab, weil Restaurantbesuche gerade nicht drin sind. Sie verschiebt den Zahnarzttermin, hofft, dass die Waschmaschine noch ein bisschen durchhält und erzählt den Kindern, dass man dieses Jahr „einfach mal einen ruhigen Sommer zu Hause machen möchte“. Armut ist erstaunlich kreativ, wenn es darum geht, sich zu verstecken. Das liegt nicht daran, dass Menschen ihre Lage besonders gut finden.

Es liegt an Scham. Armut hat eine erstaunlich hässliche Eigenschaft: Sie zwingt Menschen häufig dazu, so zu tun, als sei alles in Ordnung. Man kann schließlich schlecht morgens im Büro erscheinen und sagen: „Guten Morgen, ich kann diese Woche leider nicht mit zum Mittagessen, weil ich noch 37 Euro bis Monatsende habe.“ Also sagt man, man habe gerade keinen Hunger. Man geht nicht zur Geburtstagsfeier, weil man „früh raus muss“. Man fährt nicht mit in den Urlaub, weil man „im Moment lieber zu Hause bleibt“. Man kauft die Schuhe nicht, weil die alten „eigentlich noch gut sind“. Armut braucht Ausreden. Und wir machen es Menschen erstaunlich leicht, sie dafür zu beschämen.

Denn wir lieben die würdige Armut. Den Menschen, der wenig hat, aber dankbar ist. Bescheiden. Anspruchslos. Möglichst ordentlich. Er soll verzichten, aber bitte mit Haltung. Er soll Hilfe brauchen, aber nicht zu viel davon. Und wenn er schon arm ist, dann bitte

wenigstens konsequent. Sobald ein armer Mensch ein Smartphone besitzt, beginnt zuverlässig die moralische Buchhaltung: „Dafür hat er also Geld.“ Ja. Hat er. Ein Smartphone ist inzwischen ungefähr so luxuriös wie eine Adresse. Ohne Telefon lässt sich kaum noch ein Arzttermin vereinbaren, eine Bewerbung verschicken, mit Behörden kommunizieren oder überhaupt am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Aber das stört die schöne Geschichte vom armen Menschen, der bitteschön nichts besitzen darf. Dasselbe gilt für das Auto, für Zigaretten, für einen Kaffee, für eine Reise, für alles, was wir selbst für selbstverständlich halten. Bei armen Menschen wird plötzlich der Taschenrechner gezückt. Wer wenig Geld hat, muss offenbar nachweisen, dass er wirklich leidet. Armut muss sichtbar werden. Sonst glauben wir sie nicht.

Und genau das macht sie so gefährlich. Denn Armut beginnt nicht erst dort, wo jemand vor einem Mülleimer steht. Sie beginnt dort, wo Handlungsspielraum verschwindet. Wo aus derFrage „Was möchte ich?“ langsam die Frage wird „Was kann ich mir leisten? Ja Und irgendwann bleibt nur noch: „Was kann warten?“ Die Brille, der Zahnarzt, die Winterjacke, der Urlaub, die Reparatur. Das Leben wird nicht schlagartig schlecht. Es wird nur immer kleiner. Und während Menschen versuchen, dieses kleiner werdende Leben irgendwie zusammenzuhalten, erklären wir ihnen gerne etwas über Eigenverantwortung.

Wir lieben Eigenverantwortung. Vor allem dann, wenn wir sie anderen zuschreiben können. Wer arm ist, hat offenbar falsch entschieden, falsch gelebt, falsch gearbeitet, falsch vorgesorgt. Hätte früher sparen müssen. Hätte sich einen besseren Job suchen müssen. Hätte eben nicht dieses Auto kaufen dürfen. Hätte keine Kinder bekommen dürfen. Hätte, hätte, hätte. Diese Logik ist fantastisch. Wenn Armut das Ergebnis persönlicher Fehlentscheidungen ist, müssen wir uns nicht mit den Verhältnissen beschäftigen, in denen Menschen leben. Dann können wir beruhigt weitergehen. Wir haben schließlich alles richtig gemacht. Wir haben gearbeitet, vorgesorgt, durchgehalten. Und wenn wir heute nicht am Mülleimer stehen, dann selbstverständlich deshalb, weil wir verantwortungsvoller mit unserem Leben umgegangen sind. Nicht etwa, weil wir Glück hatten, gesund geblieben sind, einen sicheren Arbeitsplatz hatten, Menschen kannten, die uns geholfen haben, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort waren oder bisher schlicht keine einzige Katastrophe erlebt haben, die teuer genug gewesen wäre, uns aus der Bahn zu werfen. Nein. Wir waren einfach klüger. Das ist eine ausgesprochen angenehme Vorstellung. Bis man eines Tages vor einer Rechnung sitzt und feststellt, dass Klugheit leider nicht überweist. Dass Eigenverantwortung keine Waschmaschine repariert. Dass Leistung keine Miete bezahlt, wenn das Geld trotzdem nicht reicht. Und dass ein Mensch sehr viel richtig gemacht haben kann und trotzdem irgendwann zu wenig Geld hat. Vielleicht ist das der unangenehmste Gedanke überhaupt: Armut trifft nicht ausschließlich die, die versagt haben. Armut kann Menschen treffen, die gearbeitet haben, die sich angestrengt haben, die gespart haben, die alles getan haben, was man ihnen immer empfohlen hat. Und genau deshalb reden wir so ungern darüber.

Stattdessen reden wir über Einzelfälle. Der Mann dort hatte eben Pech. Die Frau dort kann nicht mit Geld umgehen. Die Familie dort lebt über ihre Verhältnisse. Der Rentner dort hätte besser vorsorgen müssen. Einzelfälle sind praktisch. Sie verlangen kein politisches Nachdenken. Sie verlangen höchstens einen Euro. Und dann kann man weitergehen.

Ich bin an diesem Mann vorbeigegangen. Aber je länger ich darüber nachdenke, desto weniger interessiert mich eigentlich, warum er in diesem Mülleimer gesucht hat. Mich interessiert vielmehr, warum wir Armut so dringend am Rand verorten müssen. Dort, wo wir sie erkennen können. Dort, wo sie eindeutig aussieht. Dort, wo sie nichts mit uns zu tun haben muss. Denn solange Armut ein Problem der anderen ist, können wir sie bedauern. Sobald sie aussieht wie unser Kollege, unsere Nachbarin oder die Frau an der Ampel, wird es unangenehm. Und spätestens dann müssten wir anfangen, über etwas zu reden, das wir erstaunlich gerne vermeiden: darüber, wie eine Gesellschaft ihren Reichtum verteilt. Geld. Chancen. Sicherheit. Risiken.

Wir leben in einer Gesellschaft, in der Menschen häufig arbeiten und trotzdem kaum über die Runden kommen. In der Rentner jahrzehntelang eingezahlt haben und im Alter rechnen müssen, ob Butter heute noch drin ist. In der Wohnen, Energie und Lebensmittel keine Luxusgüter sind und sich trotzdem immer mehr Menschen fragen müssen, was sie zuerst bezahlen. Das ist keine Neiddebatte. Das ist eine Verteilungsfrage. Und die wird gerne vermieden. Denn über Armut zu reden ist deutlich bequemer, wenn man über den Armen redet. Schwieriger wird es, wenn man über Reichtum reden muss. Über Vermögen, über Löhne, über politische Entscheidungen. Über die Frage, warum manche Menschen so viel besitzen, dass sie es beim besten Willen nicht ausgeben können, während andere bei jeder unerwarteten Rechnung ein Problem bekommen. Dann wird es schnell unangenehm. Und dann wird erstaunlich häufig von Neid gesprochen. Das ist auch so ein schönes Wort. Es beendet Diskussionen zuverlässig, bevor sie überhaupt begonnen haben. Wer über Armut spricht, ist betroffen. Wer über Reichtum spricht, ist neidisch. Praktisch. Denn dann müssen wir nicht über das reden, worum es eigentlich geht: um eine Gesellschaft, in der der Abstand zwischen denen, die zu viel haben, und denen, die zu wenig haben, nicht einfach eine Zahl auf einer Statistik ist. Er entscheidet darüber, wer sich sicher fühlen kann, wer krank werden darf, wer eine Trennung finanziell überlebt, wer seinen Arbeitsplatz verlieren kann, ohne dass sofort das ganze Leben wackelt – und wer am Ende nur noch hoffen kann, dass nichts passiert. Keine kaputte Waschmaschine. Keine Zahnarztrechnung. Kein Brief vom Vermieter. Keine Krankheit. Kein Problem.

Denn Probleme sind ein Luxus, den sich Armut nicht leisten kann.

Und wenn Menschen über Jahre so leben, entsteht etwas, das wir politisch sehr viel ernster nehmen sollten: Wut. Nicht jeder arme Mensch wird wütend. Nicht jeder wütende Mensch wird extremistisch. Aber eine Gesellschaft, die Menschen wirtschaftlich zurücklässt und ihnen anschließend erklärt, sie seien selbst schuld daran, darf sich nicht wundern, wenn diese Menschen irgendwann jemanden suchen, der ihre Wut in eine Richtung lenkt. Kränkung sucht nach einem Schuldigen. Und Schuldige findet man immer. Genau an diesem Punkt ist Armut nicht mehr nur eine soziale Frage. Sie wird politisch.

Vielleicht sollten wir deshalb aufhören, Armut erst dann ernst zu nehmen, wenn jemand vor einem Mülleimer steht. Dann ist es nämlich nicht zu spät. Aber wir haben verdammt lange geschlafen. Dieser Mann am Mülleimer war nicht das Problem. Er war der Beweis dafür, dass Armut sichtbar werden muss, bevor wir bereit sind, sie wahrzunehmen. Und vielleicht sollten wir beim nächsten Mal genauer hinschauen. Nicht in den Mülleimer. Sondern auf die Gesellschaft, die Menschen dazu bringt, darin nach etwas Brauchbarem zu suchen.