Essay 44: Der nette Autoritäre

Er ist eigentlich ein netter Mensch. Das macht die Sache nicht einfacher, im Gegenteil. Er hilft seiner alten Nachbarin beim Einkaufen, spendet gelegentlich für einen guten Zweck, liebt seine Kinder und würde vermutlich jeden Menschen, der in seiner Gegenwart einen rassistischen Witz macht, zurechtweisen. Er hat nichts gegen Ausländer, wirklich nicht. Auch gegen Schwule hat er nichts, Frauen sollen selbstverständlich Karriere machen können und jeder soll nach seiner Façon glücklich werden. Er hält sich für tolerant, aufgeklärt und vernünftig. Und in vielen Bereichen ist er das vermutlich sogar.

Bis dieses kleine Wort kommt: Aber.

„Natürlich soll jeder so leben, wie er möchte, aber irgendwann muss auch mal Schluss sein.“ Oder: „Ich habe ja nichts gegen Schwule, aber müssen die das wirklich überall zeigen?“ Oder: „Jeder darf seine Meinung haben, aber manche Dinge sollte man heutzutage vielleicht besser nicht mehr sagen.“ Solche Sätze hört man ständig. Sie klingen moderat, vernünftig, fast fürsorglich. Nach einem Menschen, der nicht übertreiben möchte und einfach nur ein bisschen Ordnung in eine zunehmend verrückte Welt bringen will. Nur lohnt es sich, an dieser Stelle einmal genauer hinzuhören: Was passiert eigentlich nach diesem „Aber“? Da beginnt die Freiheit des anderen kleiner zu werden. Nicht mit Gewalt und meistens auch nicht mit einem ausdrücklichen Verbot. Eher in kleinen Portionen.

Der andere darf selbstverständlich sein, wie er ist, er sollte es nur nicht unbedingt zeigen. Er darf glauben, was er möchte, aber bitte nicht versuchen, andere damit zu beeinflussen. Er darf seine Sexualität leben, aber muss das wirklich so sichtbar sein? Er darf hierherkommen, aber irgendwann ist eben auch genug. Er darf seine Meinung sagen, aber wir müssen ja nicht jede Meinung aushalten.

Das Faszinierende daran ist, dass derjenige, der solche Sätze sagt, sich selbst keineswegs als autoritär empfindet. Er hält sich für vernünftig. Für die Mitte. Für jemanden, der noch differenzieren kann, während alle anderen angeblich nur noch in Extremen denken. Autoritarismus sieht eben selten so aus, wie wir ihn uns gerne vorstellen. Wir denken an Uniformen, Fahnen, brüllende Menschen und große Reden. Das hat den angenehmen Vorteil, dass wir ihn sofort erkennen können. Wir wissen, wer die Bösen sind, und können uns selbst beruhigt auf der richtigen Seite einsortieren.

Der nette Autoritäre macht es uns schwerer. Er kann Kinder lieben, Steuern zahlen, Hunde mögen und sonntags Kuchen für die Nachbarin backen. Er kann ein ausgesprochen hilfsbereiter Mensch sein und ehrlich davon überzeugt sein, ein guter Mensch zu sein. Er will schließlich niemanden unterdrücken. Er möchte nur, dass manche Menschen ihre Freiheit ein wenig anders benutzen. Etwas weniger sichtbar, etwas weniger laut, etwas weniger fremd, etwas weniger störend.

Und schon wird aus der eigenen Toleranz eine Gebrauchsanweisung für das Leben anderer.

Das ist der Punkt, an dem ich misstrauisch werde. Denn Toleranz ist eine erstaunlich bequeme Tugend, solange der andere sich so verhält, dass ich sie nicht wirklich beweisen muss. Ich kann mich für tolerant halten, wenn mein schwuler Nachbar lebt wie ich. Ich kann mich für weltoffen halten, solange die fremde Kultur hauptsächlich auf dem Stadtfest stattfindet undmir anschließend nicht beim Einkaufen begegnet. Ich kann Vielfalt großartig finden, solange sie auf einem Plakat abgebildet ist und nicht plötzlich am Nachbartisch sitzt.

Das ist Toleranz mit Sicherheitsabstand. Oder, etwas ehrlicher: Duldung.

Du darfst anders sein. Ich erlaube es dir sogar. Ich bin schließlich ein guter Mensch. Aber bitte so, dass meine Welt dadurch nicht allzu sehr aus den Fugen gerät. Mit Gleichberechtigung hat das wenig zu tun. Gleichberechtigung bedeutet nämlich nicht, dass ich dem anderen großzügig erlaube, anders zu sein. Sie bedeutet, dass ich überhaupt nicht darüber zu entscheiden habe. Ich muss deine Lebensweise nicht verstehen, ich muss sie nicht mögen und ich muss sie schon gar nicht übernehmen. Ich darf sie sogar ziemlich bescheuert finden. Was ich nicht darf, ist daraus einen Anspruch auf deine Freiheit ableiten.

Und genau dort wird es unbequem. Wir reden ständig über Freiheit, solange es um unsere eigene geht. Sobald jemand anderes seine Freiheit auf eine Weise benutzt, die uns irritiert, wird aus dem großen Freiheitsbegriff erstaunlich schnell eine Hausordnung. Nicht so laut. Nicht so bunt. Nicht so öffentlich. Nicht vor den Kindern. Nicht in unserer Sprache. Nicht in unserem Land. Nicht bei uns.

Der nette Autoritäre braucht dafür keinen Befehlston. Oft reicht ein enttäuschtes Gesicht und der Satz: „Das muss doch nun wirklich nicht sein.“

Doch. Muss es.

Wenn es um die Freiheit eines anderen geht, ist „Das muss doch nun wirklich nicht sein“ nämlich kein Argument. Es ist ein Bedürfnis. Mein Bedürfnis danach, dass die Welt so bleibt, wie ich sie kenne. Und hier beginnt die Selbsttäuschung. Der Autoritäre muss nicht davon träumen, andere Menschen zu beherrschen. Es reicht, wenn er möchte, dass andere ihre Freiheit bitte so gebrauchen, dass er selbst sich dabei nicht unwohl fühlen muss. Das ist sehr menschlich. Aber eben auch sehr bequem. Und Bequemlichkeit wird politisch erstaunlich gefährlich, wenn sie sich als Moral verkleidet.

Dann wird aus „Ich mag das nicht“ irgendwann „Das sollte es nicht geben“. Aus „Ich verstehe das nicht“ wird „Das ist nicht normal“. Aus „Das macht mir Angst“ wird „Das muss verboten werden“. Und aus „Ich will meine Ruhe“ wird plötzlich eine gesellschaftliche Forderung.

Der nette Autoritäre merkt dabei oft gar nicht, wie weit er gegangen ist. Er hält sich weiterhin für tolerant, weil er niemanden hasst. Er möchte ihn nur ein bisschen begrenzen. Aus Gründen. Natürlich. Immer aus Gründen. Fast jede Einschränkung lässt sich mit einem guten Grund versehen. Sicherheit. Kinder. Ordnung. Tradition. Kultur. Anstand. Rücksichtnahme. Man muss sich dabei nicht einmal als Unterdrücker fühlen. Man ist schließlich nur vernünftig. Deshalb sollten wir unsere eigene Toleranz viel härter prüfen. Nicht dort, wo uns das Anderssein des anderen gefällt, sondern dort, wo es uns nervt. Nicht dort, wo wir sagen können: „Das finde ich interessant“, sondern dort, wo wir spontan denken: „Das muss ich jetzt wirklich nicht sehen.“Denn genau dort entscheidet sich, ob wir Freiheit meinen oder nur unsere Ruhe.

Der ehrlichste Satz über Toleranz wäre deshalb nicht: „Ich habe nichts dagegen.“ Sondern: „Ich habe etwas dagegen. Aber es geht mich nichts an.“

Das ist unbequem. Manchmal sogar ziemlich schwer. Aber genau deshalb ist es Freiheit.

Und der nette Autoritäre?

Der sitzt wahrscheinlich längst neben uns. Manchmal sitzt er sogar in uns selbst. Nicht weil wir böse Menschen sind. Sondern weil wir alle unsere Vorstellungen davon haben, wie andere Menschen leben, lieben, glauben, sprechen und sich verhalten sollten.

Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob wir tolerant sind.

Die entscheidende Frage ist, wem wir Toleranz zugestehen, solange er uns nicht stört.

Denn genau dort beginnt das kleine „Aber“.

Und manchmal reicht ein einziges Wort, um aus Freiheit eine Erlaubnis zu machen.

Aber.