Essay 45: Wer hätte das gedacht ?

Wer hätte das gedacht?

Vor sechs Jahren lernte ich einen Mann kennen, den ich zunächst nicht besonders mochte. Er erzählte mir zu viel. Gleichzeitig war er mir irgendwie sympathisch. Ich weiß bis heute nicht genau, wie beides zusammenpassen konnte. Aber es passte offenbar. Unsere Gespräche waren anfänglich sachlich und nüchtern. Wir lernten uns über einen Künstler kennen, der eine Künstlergemeinschaft gegründet hatte, für die ich damals als Kuratorin arbeitete. Nichts deutete darauf hin, dass wir einmal Freunde werden würden.

Ich organisierte damals eine Kunstausstellung. Er bot sich als DJ für die Veranstaltung an. Ich buchte ihn nicht. Die Ausstellung fand statt, auch ohne mich, das Leben ging weiter, und irgendwann wurde auch die Künstlergemeinschaft, für die ich gearbeitet hatte, zu einem abgeschlossenen Kapitel.

Nur der Kontakt blieb.

Nicht besonders spektakulär. Er war einfach irgendwann noch da. Aus gelegentlichen Gesprächen wurden längere, aus längeren Gesprächen wurden regelmäßige. Heute telefonieren wir mehrfach in der Woche. Oft eine Stunde, manchmal länger. Wir sprechen über alles, was uns bewegt. Über Essen und Autos, über unsere Berufe und die Frauen, über die Liebe und das Leben, über unsere Ängste und Bedürfnisse. Über Dinge, die gerade passieren, und über Dinge, die schon lange in uns arbeiten.

Irgendwann habe ich gemerkt, dass aus diesem Mann, den ich anfangs nicht besonders mochte, ein Freund geworden war.

Nicht irgendein Freund.

Ein Mensch, zu dem eine Verbindung entstanden ist, die sich anders anfühlt als viele andere Beziehungen in meinem Leben.

Ich kann gar nicht genau sagen, woran das liegt. Wir sind uns in vielem ähnlich und ergänzen uns gerade an den Stellen, an denen wir verschieden sind. Wir sind beide Macher. Wir haben viel erlebt, sind durch tiefe Täler gegangen und kennen auch die Höhen, die das Leben bereithält. Wir wissen beide, dass das Leben nicht immer freundlich ist und dass man manchmal trotzdem weitermachen muss.

Aber wir sind nicht gleich.

Und genau das gefällt mir.

Was ich nicht kann, kann er manchmal besser. Wo er schneller ist, bin ich geduldiger. Wo ich vielleicht schon eine Lösung sehe, schaut er noch einmal anders hin. Und umgekehrt gibt es Dinge, bei denen er sich auf mich verlässt. Es ist kein Wettbewerb darum, wer etwas besser kann. Es ist eher dieses stille Wissen: Wir müssen nicht alles allein können.

Ich schätze ihn sehr.

Nicht, weil er immer einfach wäre. Das ist er ganz sicher nicht. Er kann anstrengend sein. Er kann hartnäckig sein. Manchmal erzählt er immer noch zu viel. Aber all das gehört zu ihm. Ich möchte ihn gar nicht glatt machen, damit er „leichter“ in mein Leben passt.

Er ist liebenswert, zuverlässig, loyal. Verschwiegen und diskret. Er hat Werte und Würde. Er ist ein anständiger Mensch. Und er ist ehrlich und direkt. Bei ihm weiß ich, woran ich bin. Das ist etwas, das ich sehr schätze.

Und ich glaube, er schätzt an mir Dinge, die ich selbst manchmal gar nicht so besonders finde.

Das ist eine der schönsten Seiten von Freundschaft: Der andere sieht nicht nur, was wir selbst an uns sehen. Er sieht Fähigkeiten, die wir für selbstverständlich halten. Er erkennt unsere Stärke an Stellen, an denen wir sie selbst gar nicht bemerken. Und manchmal sieht er auch unsere Schwächen, ohne dass sie unsere Wertschätzung füreinander kleiner machen.

Zwischen uns ist genau das entstanden.

Eine tiefe gegenseitige Wertschätzung. Nicht dieses freundliche Lob, das man sich sagt, weil man sich mag. Etwas anderes. Etwas Ruhigeres. Ein Wissen darum, wer der andere ist. Was er kann. Wo er stark ist. Wo er verletzlich ist. Was man ihm zutrauen kann. Und auch, wo man ihn manchmal einfach aushalten muss.

Ich glaube, das ist ein wesentlicher Unterschied zwischen einem netten Kontakt und Freundschaft.

Man muss den anderen nicht idealisieren. Man darf ihn kennen.

Mit seinen Stärken und seinen Macken. Mit seiner Geschichte. Mit seinen Ängsten. Mit dem, was er kann, und mit dem, was ihm schwerfällt.

Und irgendwann merkt man, dass man diesem Menschen vertraut.

Nicht nur mit Geheimnissen. Auch mit sich selbst.

Mein Freund lebt in Saarbrücken, ich am Niederrhein. Dazwischen liegen einige hundert Kilometer. Trotzdem ist er ein Teil meines Alltags. Wenn etwas passiert, möchte ich es ihm erzählen. Wenn ihn etwas beschäftigt, möchte ich wissen, was es ist. Wir telefonieren, reden, lachen, diskutieren und landen irgendwann bei einem völlig anderen Thema.

So ist das mit manchen Menschen.

Man muss keine gemeinsame Wohnung haben. Man muss sich nicht jeden Tag sehen. Man muss nicht einmal in derselben Stadt leben. Man kann sich einfach nah sein.

Und manchmal entsteht diese Nähe ausgerechnet dort, wo man am Anfang überhaupt nicht damit gerechnet hat.

Vor sechs Jahren war er der Mann, den ich zunächst nicht besonders mochte. Der Mann, der mir zu viel erzählte. Der DJ, den ich nicht gebucht habe.

Heute ist er mein Freund.

Und wenn ich darüber nachdenke, finde ich das ziemlich schön.

Denn wir können noch so viel darüber wissen, was uns an einem Menschen gefällt. Wir können noch so gut einschätzen, ob jemand zu uns passt. Wir können einen ersten Eindruck haben und glauben, wir hätten schon verstanden, wer uns da gegenübersitzt.

Dabei wissen wir am Anfang fast nichts.

Manchmal braucht es Jahre, bis aus einer Begegnung eine wirkliche Beziehung wird. Bis man die Ecken kennt, die Stärken, die Schwächen, die Geschichte. Bis aus Sympathie Vertrauen wird und aus Vertrauen Freundschaft.

Und manchmal steht man irgendwann da und denkt:

Ausgerechnet du.

Der Mann, den ich am Anfang nicht besonders mochte.

Der mir zu viel erzählte.

Der DJ, den ich nicht gebucht habe.

Wer hätte das gedacht?