Essay 21

Ich möchte heute ein Thema aufgreifen, das mir in meinem Praxisalltag weitaus häufiger begegnet, als ich es erwartet hätte. Es betrifft, so meine Beobachtung, Menschen beider Geschlechter in nahezu allen Altersgruppen gleichermaßen. Es ist die Frage: Kann oder darf ich als Hetero-Mann einen Mann lieben? Oder als Hetero-Frau eine Frau? Oder als Mann, der jahrelang in einer homosexuellen Beziehung gelebt hat, wieder eine Frau begehrenswert finden etc.? Diese aufgeworfene Frage wird häufig erst einmal als ein Konflikt zwischen dem vielleicht auch anerzogenen, sozial erwarteten Begehren und dem Moment erlebt, in dem man feststellt, huch, da gibt es ja noch was anderes, was mich neugierig macht, was meine bisher erlebte Sexualität und mein Begehren plötzlich nicht mehr so eindeutig sein lässt.
Ich möchte versuchen, hier etwas Luft und mehr Wohlwollen in den Blick auf sich selbst zu bringen. Sexualität und Begehren sind manchmal eben keine Konstanten, so gerne man es auch hätte. Aber: Eine Verschiebung öffnet möglicherweise völlig neue Horizonte.


Begehren und innere Ambivalenz – wenn das Wollen nicht eindeutig ist    05.05.26

Begehren gilt gemeinhin gern als etwas Eindeutiges. Es zieht, es richtet sich aus, es weiß angeblich, was es will. Zumindest erzählt man sich das so. In der Praxis ist es oft deutlich weniger klar – eher eine Mischung aus Impuls, Irritation, Vertrautheit und einem Gefühl, das sich nicht besonders gut erklären lässt. Und vielleicht ist genau das der Punkt, über den man selten spricht: dass Begehren nicht nur eine Richtung hat, sondern auch eine innere Reibung.

Manchmal richtet es sich klar auf eine Person, ein Geschlecht, ein Bild. Und manchmal eben nicht so eindeutig. Es verschiebt sich, reagiert, taucht dort auf, wo man es nicht erwartet hat, und verschwindet dort, wo man dachte, es müsste eigentlich da sein. Das macht etwas mit dem eigenen Selbstbild. Denn wir leben in einer Welt, die klare Kategorien bevorzugt. Hetero, homo, bi, um nur ein paar zu nennen – als wären das stabile Räume, in denen sich alles sortieren ließe. Als wären Begehren und Sexualität in moralische und gesellschaftliche Rahmen pressbar. 

Praktisch gedacht ist das verständlich. Innerlich erlebt ist es oft weniger eindeutig. Denn Begehren hält sich nicht immer an diese Ordnung. Es folgt nicht unbedingt dem, was man gelernt hat, für sich vorgesehen zu haben. Und genau dort entsteht diese Ambivalenz, diese Uneindeutigkeit, die sich schwer benennen lässt.
Nicht im Sinne eines großen Konflikts, eher wie eine stille Irritation: Warum fühlt sich das jetzt so an? Und was sagt das über mich?

Interessant ist, dass viele Menschen zuerst versuchen, diese Ambivalenz zu beruhigen. Sie wird eingeordnet, erklärt, manchmal auch wegerzählt. „Das war nur eine Phase.“ „Das hat nichts zu bedeuten.“ „Das passt eigentlich nicht zu mir.“ Es sind kleine innere Reparaturversuche, um die Ordnung wiederherzustellen. Denn Ambivalenz hat etwas Unruhiges. Sie lässt sich schlechter erzählen als Klarheit. Und sie passt nicht gut in Lebensläufe, in Identitäten, in die einfache Frage: „Was bist du?“ Aber Begehren ist kein Lebenslaufpunkt. Es ist eher ein Zustand, der sich bewegt und auch bewegen darf. Und manchmal zeigt sich darin weniger eine Verwirrung als eine Form von Ehrlichkeit. Eine, die nicht sofort weiß, wie sie sich selbst benennen soll.

Das kann verunsichern. Vor allem dann, wenn man gelernt hat, dass Identität etwas ist, das stabil sein sollte. Etwas, das man erkennt und dann im besten Fall „gefunden“ hat.

Aber Begehren arbeitet nicht immer mit dieser Logik. Es kann konsistent sein und gleichzeitig überraschend. Es kann vertraut wirken und trotzdem neue Richtungen öffnen. Und es kann sich über Jahre hinweg scheinbar klar verhalten, um dann in bestimmten Momenten eine andere Facette zu zeigen.

Das Entscheidende ist vielleicht weniger die Frage, was genau das bedeutet, sondern wie man damit umgeht. Ob man versucht, die Ambivalenz sofort aufzulösen, oder ob man sie einen Moment stehen lassen kann, ohne sie sofort zu interpretieren. Denn genau in diesem Zwischenraum passiert oft etwas Interessantes: Die eigene Wahrnehmung wird ehrlicher. Weniger gefiltert durch fremde und eigene Erwartungen, sondern mehr durch das, was tatsächlich spürbar ist.

Das bedeutet nicht, dass alle Kategorien bedeutungslos werden. Sie können Orientierung geben, Sprache schaffen, Erfahrungen einordnen. Aber sie sind nicht zwingend größer als das Erleben selbst.

Und das persönliche Erleben ist selten so sauber getrennt, wie Begriffe es gerne hätten.
Vielleicht ist es genau das, was Begehren so menschlich macht: dass es nicht vollständig kontrollierbar ist, aber auch nicht völlig chaotisch. Es bewegt sich irgendwo dazwischen – zwischen Klarheit und Irritation, zwischen Zugehörigkeit und Offenheit. Die innere Ambivalenz, die daraus entstehen kann, ist dabei kein Fehler im System. Sie ist eher ein Hinweis darauf, dass etwas lebendig ist, das sich nicht vollständig festlegen lässt. Das kann anstrengend sein. Vor allem dann, wenn man sich selbst gern eindeutig verstehen möchte. Wenn man wissen will, „wo man steht“.

Aber vielleicht ist diese Frage manchmal weniger hilfreich als sie klingt. Vielleicht geht es nicht immer darum, einen festen Punkt zu finden, sondern eher darum, die eigene Beweglichkeit zu verstehen, ohne sie sofort zu bewerten. Denn Begehren verändert sich. Nicht zwingend radikal, aber oft subtil. Es reagiert auf Nähe, auf Erfahrung, auf innere Entwicklung. Und manchmal auch auf Dinge, die sich überhaupt nicht logisch erklären lassen.

Das macht es nicht weniger echt – nur weniger festlegbar.

Und genau darin liegt eine gewisse Freiheit, auch wenn sie sich nicht sofort so anfühlt. Eine Freiheit, die nicht bedeutet, alles offen zu lassen, sondern sich selbst nicht zu schnell zu (ver)schließen. Vielleicht ist das der ruhigere Gedanke hinter der ganzen Ambivalenz: dass Identität nicht zwingend ein abgeschlossener Zustand sein muss, sondern etwas, das sich im Erleben immer wieder neu sortiert. Nicht als Unsicherheit, sondern als Bewegung im Leben, als Bewegung in der inneren Wahrnehmung.

Und vielleicht ist das Einzige, was man von Begehren wirklich erwarten kann, genau das: dass es nicht immer das sagt, was man schon vorher über sich wusste. Sondern manchmal etwas, das man erst im Nachhinein versteht.