Die große Ruhe – Was Resilienz wirklich bedeutet
Nach 28 Jahren im Kriminaldienst habe ich einen Begriff zunehmend misstrauisch gesehen: Resilienz.
Er wird gern benutzt, als wäre er eine Eigenschaft wie „belastbar“ oder „stressresistent“. Ein Etikett. Klingt gut in Gesprächen, noch besser in Konzeptpapieren.
Mit der Realität hat das oft wenig zu tun.
Im Einsatz geht es selten um schöne Begriffe. Es geht um Situationen, die nicht warten, bis man innerlich sortiert ist. Informationen kommen ungeordnet, Menschen reagieren emotional, Entscheidungen müssen trotzdem getroffen werden.
Und genau da trennt sich etwas, das von außen gern verwechselt wird: Härte und Klarheit.
Härte macht dicht. Klarheit bleibt offen, aber nicht steuerbar.
Das ist ein Unterschied, der in der Praxis sehr schnell sichtbar wird.
Es gibt Einsätze, die laut sind. Und es gibt die leisen. Die, die keiner später erzählt, weil sie nicht spektakulär wirken – aber genau dort entsteht die eigentliche Belastung.
Nicht im Moment selbst. Sondern danach.
Resilienz hat mit all dem wenig zu tun, was man sich darunter vorstellt. Es geht nicht darum, „alles wegzustecken“. Wer das versucht, ist irgendwann nicht mehr ansprechbar – nur noch funktional.
Das hält nicht lange.
Was sich stattdessen entwickelt, ist etwas anderes: eine gewisse innere Ordnung im Umgang mit Chaos. Kein Schutzschild, eher eine Art gedankliche Sortierung.
Man lernt, nicht jede Information sofort zu bewerten. Nicht jedes Gefühl sofort zu glauben. Und nicht jeden Eindruck sofort als Wahrheit zu behandeln.
Das klingt einfach. Ist es aber nicht.
Denn im Einsatz ist alles gleichzeitig da: Druck, Verantwortung, Unsicherheit, Erwartung von außen. Wer hier impulsiv reagiert, produziert Fehler. Wer blockiert, ebenso.
Also bleibt nur eines: stehen bleiben im eigenen Denken, während außen alles weiterläuft.
Das ist keine Stärke, die man sich aussucht. Sie entsteht über Zeit.
Interessant ist dabei, was Resilienz nicht ist: Sie ist keine emotionale Unberührbarkeit. Wer lange genug in diesem Bereich arbeitet, weiß sehr genau, dass bestimmte Bilder bleiben. Dass manche Situationen sich nicht „neutralisieren“ lassen.
Die Frage ist nicht, ob das passiert.
Die Frage ist, ob es alles bestimmt.
Verbittern entsteht selten durch die Ereignisse selbst.
Sondern dadurch, dass irgendwann keine Distanz mehr da ist. Alles wird persönlich. Alles wird Bewertung. Alles wird Reaktion.
Dann wird es eng.
Die „große Ruhe“, von der oft gesprochen wird, hat mit Gelassenheit im landläufigen Sinn wenig zu tun. Sie ist kein Zustand, den man erreicht und dann behält.
Sie ist eher eine Arbeitsform.
Man bleibt im Geschehen, aber man wird nicht vollständig hineingezogen. Man nimmt wahr, aber man verschmilzt nicht mit dem Eindruck. Man entscheidet, aber nicht aus dem ersten Impuls heraus.
Das ist kein Schutzmechanismus. Es ist Disziplin im Denken.
Und sie ist anstrengender, als es von außen aussieht.
Vielleicht ist das der Punkt, an dem der Begriff Resilienz seinen Glanz verliert und seinen realen Kern zeigt: nicht als Stärke, die man hat, sondern als Fähigkeit, die man sich immer wieder abringt.
Nicht spektakulär.
Aber notwendig.
Und vor allem eines: nicht romantisch.
