Essay 36: Wie demokratisch waren wir eigentlich wirklich? Über die AfD, die Psychologie der Macht und die erschreckende Sehnsucht nach einfachen Wahrheiten

27 Prozent für die AfD. Ich kann und will das nicht als normale politische Entwicklung betrachten. Was mir Angst macht, ist nicht nur die Stärke einer autoritären Partei. Es ist die Erkenntnis, wie schnell demokratische Überzeugungen brüchig werden können, wenn Angst, Wut und die Sehnsucht nach einfachen Antworten stärker werden als Vernunft und historische Erfahrung.

Ich möchte nicht erleben, dass wir eines Tages sagen müssen: Wir hätten es wissen können. 

Deshalb habe ich diesen Text geschrieben.

Wie demokratisch waren wir eigentlich wirklich? Über die AfD, die Psychologie der Macht und die erschreckende Sehnsucht nach einfachen Wahrheiten

Vor einigen Wochen saß ich mit Menschen an einem Tisch, die ich seit Jahrzehnten kenne.

Keine Extremisten, keine Gewalttäter, keine Reichsbürger. Keine Menschen, bei denen man bereits beim ersten Satz die innere Flucht ergreift. Im Gegenteil. Es sind Akademiker. Selbstständige. Familienmenschen. Menschen, die ihre Kinder zu Toleranz erzogen haben. Menschen, die früher empört waren, wenn jemand rassistische Witze erzählte. Menschen, die sich selbst vermutlich bis heute für vernünftig, aufgeklärt und demokratisch halten.

Und dann fiel dieser Satz:

“Vielleicht muss die AfD einfach mal an die Macht kommen, damit sich endlich etwas ändert.”

Ich erinnere mich noch genau an die Stille danach.

Nicht die am Tisch. Die in meinem Kopf.

Denn ich dachte nicht zuerst: Das ist gefährlich.

Ich dachte: Wann genau ist das passiert?

Wann wurde aus einem Menschen, den ich jahrzehntelang für demokratisch gehalten habe, jemand, der ernsthaft glaubt, eine Partei, die mit Ressentiments, Ausgrenzung und autoritären Fantasien arbeitet, könne eine demokratische Erneuerung darstellen?

Und die noch entscheidendere Frage lautete:

War dieser Mensch früher anders?

Oder habe ich ihn einfach nur falsch eingeschätzt?

Ich glaube mittlerweile, dass genau darin die eigentliche Kränkung unserer Zeit liegt.

Nicht in der Existenz der AfD.

Populisten hat es immer gegeben. Menschen, die Macht wollen, lernen irgendwann, dass Angst, Kränkung und Feindbilder ausgesprochen wirksame Werkzeuge sind. Das ist weder originell noch besonders intelligent.

Die eigentliche Verstörung besteht für mich darin, dass Menschen, die ich für historisch gebildet, demokratisch gefestigt und moralisch halbwegs belastbar gehalten habe, plötzlich Sätze sagen, die ich früher in Dokumentationen über die Zwischenkriegszeit verortet hätte.

“Man wird ja wohl noch seine Meinung sagen dürfen.” Ein bemerkenswerter Satz.

Denn ausgesprochen wird er fast immer von Menschen, die gerade sehr erfolgreich ihre Meinung sagen.

Oder:

“Die Altparteien haben doch komplett versagt.”

Auch das ist ein interessanter Satz. Vor allem deshalb, weil er selten mit konkreten politischen Analysen verbunden wäre. Er funktioniert eher wie ein Gefühl. Eine Kränkung in Satzform.

Und dann natürlich der Satz, der mich mittlerweile regelrecht aggressiv macht:

“Die AfD spricht wenigstens die Probleme an.”

Wenn das inzwischen als politische Kompetenz gilt, dann müssten Notärzte ausgezeichnet werden, die ihren Patienten mitteilen: “Sie haben Krebs”, und anschließend den Raum verlassen.

Denn Probleme zu benennen ist keine politische Leistung. Probleme auf Minderheiten, Migranten, sexuelle Vielfalt oder diffuse Eliten zu projizieren, erst recht nicht.

Ich habe mir das Programm der AfD angesehen. Nicht aus politischer Leidenschaft. Eher aus einer Mischung aus professioneller Neugier und wachsendem Entsetzen. Und ich muss gestehen: Mich hat weniger die Radikalität erschreckt als die intellektuelle Armseligkeit. Komplexe gesellschaftliche Probleme werden auf wenige Feindbilder reduziert: 

Migration, die Medien, die Eliten, Europa, Gender, Wissenschaft.

Irgendjemand ist immer schuld.

Das ist psychologisch ausgesprochen attraktiv. Denn Schuldige zu finden ist deutlich einfacher, als Verantwortung zu übernehmen. Vielleicht liegt darin überhaupt eines der größten Missverständnisse über politische Macht. Wir glauben gerne, Menschen würden Parteien wählen, weil sie deren Programme überzeugend finden.

Ich glaube das nicht mehr.

Ich glaube, Menschen wählen Parteien, die ihnen ein bestimmtes Gefühl vermitteln.

Das Gefühl, verstanden zu werden.

Das Gefühl, betrogen worden zu sein.

Das Gefühl, endlich nicht mehr selbst über komplexe Zusammenhänge nachdenken zu müssen.

Und genau hier beginnt die eigentliche Macht autoritärer Bewegungen. Sie verkaufen keine Politik, sie verkaufen psychische Entlastung.

Sie sagen nicht:

“Wir haben die besseren Lösungen.”

Sie sagen:

“Ihr habt schon immer gespürt, dass ihr recht habt.”

Das ist etwas völlig anderes.

Ich habe in den vergangenen Jahren mit erstaunlich vielen Menschen gesprochen, die die AfD für eine demokratische Alternative halten. Und je länger diese Gespräche dauerten, desto seltener ging es um Politik. Es ging um Kränkungen und um Kontrollverlust. Um das Gefühl, nicht mehr gesehen zu werden. Um die Sehnsucht nach einer Welt, die übersichtlicher war – oder zumindest in der Erinnerung übersichtlicher erscheint.

Die Psychologie beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Autoritarismus, sozialer Dominanzorientierung und dem Bedürfnis nach Eindeutigkeit. Die Ergebnisse sind nicht besonders beruhigend.

Menschen reagieren auf Unsicherheit nicht automatisch mit Vernunft. Sie reagieren häufig mit dem Wunsch nach Ordnung. Und Ordnung ist ein gefährliches Wort.

Denn Ordnung klingt harmlos: 

Nach Aufräumen.

Nach Struktur.

Nach Sicherheit.

Historisch betrachtet bedeutet Ordnung allerdings häufig etwas anderes. Sie bedeutet, dass jemand entscheidet, wer dazugehört und wer nicht.

Wer normal ist und wer nicht.

Wer wertvoll ist und wer nicht.

Vielleicht ist das der Grund, warum mich bestimmte Positionen der AfD nicht nur politisch, sondern psychologisch interessieren.

Die Vorstellung, Frauen wieder stärker auf traditionelle Rollen festzulegen.

Die permanente Abwertung sexueller Vielfalt.

Die obsessive Beschäftigung mit nationaler Identität.

Die Fantasie kultureller Homogenität.

Das alles wirkt auf mich nicht konservativ.

Es wirkt vor allem ängstlich.

Denn wer Vielfalt als Bedrohung erlebt, erlebt Freiheit häufig ebenfalls als Bedrohung.

Was mich allerdings zunehmend beunruhigt, ist die Selbstverständlichkeit, mit der manche Menschen ihre Sehnsucht nach Eindeutigkeit für politische Vernunft halten. Ich kenne dieses Bedürfnis nicht.

Nicht deshalb, weil ich klüger oder moralisch überlegen wäre. Sondern weil ich in meinem beruflichen Leben zu viele Menschen, zu viele Biografien und zu viele Widersprüche gesehen habe, um noch ernsthaft an einfache Erklärungen glauben zu können.

Menschen sind kompliziert.

Gesellschaften sind kompliziert.

Geschichte ist kompliziert.

Wer mir erklärt, die Probleme eines Landes ließen sich im Wesentlichen auf Migration, politische Eliten, sexuelle Vielfalt oder eine vermeintlich verlorene nationale Identität reduzieren, löst bei mir kein Gefühl von Erleichterung aus.

Sondern Angst und Misstrauen.

Vielleicht ist genau das der eigentliche Unterschied.

Ich empfinde Komplexität nicht als politischen Fehler.

Ich empfinde Menschen, die Komplexität beseitigen wollen, als Gefahr.

Denn hinter jeder einfachen Erklärung steht irgendwann ein Mensch, der den Preis dafür bezahlen soll. Und genau das scheint mir die eigentliche politische Währung autoritärer Bewegungen zu sein:

Sie lösen keine Probleme.

Sie verteilen Schuld.

DAS IST BILLIG! 

Es ist intellektuell unerquicklich.

Und historisch betrachtet endet es bemerkenswert selten gut.

Was mich an Teilen der AfD deshalb nicht nur politisch, sondern psychologisch verstört, ist ihre bemerkenswerte Fähigkeit, Denkfaulheit als Mut zu verkaufen.

Die Botschaft lautet nicht:

“Die Welt ist kompliziert, und wir müssen schwierige Lösungen aushalten.”

Die Botschaft lautet:

“Ihr hattet schon immer recht. Die anderen sind schuld.”

Das ist keine Politik. Das ist emotionale Entlastung.

Und vielleicht ist genau das der Grund, warum mich nicht die Radikalen beunruhigen.

Radikale waren schon immer radikal.

Mich beunruhigen die Vernünftigen.

Die Menschen, die freundlich sind.

Die ihre Kinder lieben.

Die niemals Gewalt anwenden würden.

Die sich selbst für aufgeklärt halten.

Und die trotzdem bereit sind, ihre historischen Erfahrungen, ihren demokratischen Kompass und ihre intellektuelle Redlichkeit gegen das berauschende Gefühl einzutauschen, endlich wieder auf der vermeintlich richtigen Seite zu stehen.

Vielleicht haben wir die Geschichte tatsächlich falsch verstanden.

Vielleicht bestand ihre wichtigste Lehre nie darin, dass bestimmte Menschen irgendwann böse werden.

Vielleicht bestand ihre wichtigste Lehre darin, dass Menschen eine erschreckend hohe Bereitschaft besitzen, ihre Freiheit gegen das Versprechen von Ordnung einzutauschen.

Und wenn ich heute Menschen zuhöre, die ich seit dreißig Jahren kenne, die plötzlich von “Remigration”, “Volkswillen” und der “einzigen demokratischen Partei Deutschlands” sprechen, dann erschreckt mich nicht mehr die AfD.

Mich erschreckt die Erkenntnis, dass Demokratie möglicherweise nie eine stabile Eigenschaft war.

Vielleicht waren wir alle nur so lange Demokraten, wie Demokratie uns nicht allzu viel zugemutet hat.

Und das ist, wenn ich ehrlich bin, ein Gedanke, der mir deutlich mehr Angst macht als jede Partei.