Essay 37: Wie lange kann eine Stadt sich selbst belügen? Gedanken einer Bürgerin über Emmerich, politische Selbsttäuschung und die Kunst, Niedergang für Gestaltung zu halten

Wie lange kann eine Stadt sich selbst belügen? – Gedanken einer Bürgerin über Emmerich, politische Selbsttäuschung und die Kunst, Niedergang für Gestaltung zu halten

Ich lebe lange genug in Emmerich, um mich noch daran zu erinnern, dass diese Stadt einmal stolz auf sich war.

Und nein, ich gehöre nicht zu den Menschen, die grundsätzlich behaupten, früher sei alles besser gewesen. Früher war manches schlechter, manches schöner und vieles einfach nur anders. Aber ich gehöre mittlerweile zu den Menschen, die sich nicht mehr einreden lassen, dass das, was wir seit Jahren erleben, lediglich ein bedauerlicher Strukturwandel sei.

Denn irgendwann wird aus Strukturwandel Verfall und irgendwann wird aus politischer Geduld politische Naivität.

Vergangenen Samstag bin ich wieder durch die Innenstadt gelaufen. Eigentlich ohne Absicht. Einfach als Bürgerin dieser Stadt. Und ich habe mich dabei ertappt, dass ich längst nicht mehr nach dem suche, was noch funktioniert, sondern nach dem, was inzwischen aufgegeben wurde.

Das allein ist vielleicht das vernichtendste Urteil, das eine Stadt über sich selbst abgeben kann. 

Die Mülleimer quellen über, die Straßen wirken ungepflegt, Fassaden sehen aus, als hätten ihre Besitzer und die Stadt gemeinsam beschlossen, sich gegenseitig beim Verfall zuzusehen. Im Stadtpark laufen Ratten herum – und zwar nicht als seltene zoologische Besonderheit, sondern mit einer Selbstverständlichkeit, die mich manchmal vermuten lässt, dass sie die Entwicklung dieser Stadt realistischer eingeschätzt haben als manche politische Verantwortungsträger.

Und jedes Mal stelle ich mir dieselbe Frage:

Wann genau haben wir als Bewohner beschlossen, dass all das normal ist?

Die nackten Zahlen bestätigen mittlerweile den Eindruck vieler Bürger. Die Emmericher Innenstadt hat die dramatische Marke von über fünfzig leerstehenden Ladenlokalen überschritten. Mehr als fünfzig. Das ist keine statistische Randnotiz mehr. Das ist ein Offenbarungseid.

Die Steinstraße blutet seit Jahren aus. Dort stehen mittlerweile fast ein Viertel der Ladenlokale leer. Fast jedes vierte Schaufenster ist dunkel. Fast jede vierte Immobilie ist ein sichtbares Denkmal dafür, dass politische Absichtserklärungen noch niemals wirtschaftliche Entwicklung ersetzt haben.

Und dann das Rheincenter.

Ich erinnere mich noch an eine Zeit, in der man dort einkaufen ging, weil dort tatsächlich etwas los war. Heute wirkt es auf mich manchmal wie ein Mahnmal kommunalpolitischer Selbstüberschätzung. Der Weggang unter anderem von Rewe hat nicht einfach nur eine Fläche hinterlassen. Er hat ein Loch gerissen. Räumlich. Wirtschaftlich. Psychologisch.

Denn Leerstand hat eine Eigenschaft, die Verwaltungen, Gutachter und politische Entscheidungsträger regelmäßig unterschätzen:

Leerstand kommuniziert.

Er spricht über Hoffnungslosigkeit.

Er signalisiert Aufgabe.

Und er vermittelt den Menschen: Hier glaubt niemand mehr ernsthaft an eine Zukunft.

Die eigentliche Tragik ist dabei nicht, dass Emmerich Probleme hat. Welche Stadt hat die nicht? Die eigentliche Tragik ist die bemerkenswerte Gelassenheit, mit der diese Probleme seit Jahren betrachtet werden.

Die Emmericher Entscheidungsträger glauben offenkundig, sie würden diese Stadt gestalten. Je länger ich durch diese Stadt gehe, desto mehr drängt sich mir der Eindruck auf, dass sie lediglich deren schleichenden Niedergang verwalten – und diesen Verwaltungsakt mit politischer Gestaltung verwechseln.

Denn selbstverständlich gibt es Konzepte. Es gibt Arbeitskreise. Es gibt Gutachten. Es gibt City-Management. Es gibt Entwicklungspläne, Zukunftswerkstätten, Beteiligungsverfahren und vermutlich auch Präsentationen mit Pfeilen, Kästchen und hoffnungsvollen Überschriften.

Was es offenkundig allerdings immer weniger gibt, ist die Bereitschaft, die Realität tatsächlich zur Kenntnis zu nehmen.

Vielleicht hat das auch mit einer Besonderheit kleiner Städte zu tun, über die man ungern spricht.

Hier kennt jeder jeden.

Man sitzt gemeinsam im Schützenverein, im Karnevalskomitee, im Kegelclub oder seit Jahrzehnten in denselben politischen und gesellschaftlichen Netzwerken. Der eine ist Parteifreund, der andere ehemaliger Vereinskamerad, der dritte familiär oder gesellschaftlich eng verbunden mit jemandem, den man irgendwann noch brauchen könnte.

Aus dieser Nähe entsteht nicht zwangsläufig Korruption. Das möchte ich keinesfalls behaupten. Aber sie erzeugt etwas anderes: eine Kultur der gegenseitigen Schonung.

Man bewegt sich geschmeidig, vermeidet offene Konflikte und lernt früh, dass Anpassung in kleinen Städten häufig die erfolgreichere Strategie ist als Widerspruch.

Vielleicht erklärt genau das, warum in Emmerich so vieles verwaltet, relativiert und ausgesessen wird – und so wenig wirklich infrage gestellt werden darf.

Irgendwann sitzen Menschen so lange mit denselben Menschen in denselben Sitzungen, nutzen dieselben Formulierungen und verwenden dieselben Erklärungen, dass sie vergessen, wie die Stadt außerhalb dieser Sitzungen aussieht.

Dann hält man Verwaltung für Gestaltung.

Man hält Stillstand für Stabilität.

Und man hält die eigene politische Bedeutung für deutlich größer, als sie in der Lebenswirklichkeit der Bürger tatsächlich noch ist.

Die Rheinpromenade war für mich immer der schönste Ort dieser Stadt. Vielleicht deshalb, weil man hier noch erahnen kann, warum Menschen mal gerne in Emmerich gelebt haben. Der Blick auf den Rhein, die Weite, das Licht – all das hatte etwas von Würde.

Vielleicht fällt deshalb der Kontrast zur übrigen Innenstadt heute umso brutaler aus.

Der Neumarkt hingegen ist für mich zum Sinnbild kommunalpolitischer Selbstüberschätzung geworden. Der Neumarkt speichert im Sommer nicht nur die Hitze, sondern auch die kommunalpolitische Überzeugung, dass eine Betonfläche automatisch ein Stadtzentrum ergibt. Natürlich finden dort Wochenmärkte und Veranstaltungen statt. Und selbstverständlich wird jede Veranstaltung mit einer Ernsthaftigkeit präsentiert, als habe man gerade die kulturelle Wiedergeburt des Niederrheins eingeleitet.

Besonders bemerkenswert finde ich dabei die Fähigkeit kommunalpolitischer Selbstinszenierung, sich fremde Erfolge anzueignen. Eine Veranstaltung, auf die man sich bis heute gerne beruft, wurde bekanntlich nicht von der Stadt initiiert, sondern von einem unbequemen Bürger, der zunächst eher als Störfaktor denn als Impulsgeber wahrgenommen wurde. Kaum war der Erfolg jedoch sichtbar, verwandelte sich die anfängliche Distanz erstaunlich schnell in kommunale Umarmung.

Auch das ist eine Form von Stadtentwicklung: Man schafft nichts Eigenes, erklärt aber das Gelungene nachträglich zur eigenen Leistung.

Tatsächlich bleibt bei mir oft der Eindruck zurück, dass man sich in Emmerich inzwischen bereits für Mittelmaß begeistert, weil man vergessen hat, wie Ambition einmal aussah.

Ich erinnere mich noch gut an die Zeiten, als Steinstraße und Kaßstraße Orte waren, an denen Menschen flanierten, einkauften und sich begegneten. Heute beobachte ich etwas anderes.

Menschen beschleunigen ihren Schritt.

Sie wechseln die Straßenseite und vermeiden bestimmte Bereiche.

Nicht unbedingt, weil sie selbst Opfer einer Straftat geworden wären. Sondern weil sich etwas verändert hat, das man statistisch nur schwer erfassen kann: das Gefühl, sich in seiner eigenen Stadt selbstverständlich bewegen zu können.

Natürlich kann man darüber diskutieren, ob Unsicherheit objektiv messbar ist. Man kann Kriminalitätsstatistiken zitieren und auf subjektive Wahrnehmungen verweisen.

Aber Menschen leben nicht in Statistiken.

Menschen leben in ihrer Wahrnehmung von Sicherheit, Ordnung und Verlässlichkeit.

Und diese Wahrnehmung hat sich verändert.

Wer heute durch manche Bereiche der Innenstadt geht, erlebt sichtbare Konzentrationen von Alkoholmissbrauch, sozialer Verwahrlosung, Aggressionen und öffentlicher Enthemmung. Streitigkeiten vor Gaststätten, Polizeieinsätze, Pöbeleien und eine Atmosphäre, die viele Bürger – ob berechtigt oder nicht – als zunehmend unangenehm und bedrohlich empfinden.

Das mag politisch unbequem sein.

Es verschwindet allerdings nicht dadurch, dass man es nicht ausspricht.

Ich musste daran denken, als die Diskussion über die Zukunft der Steinstraße geführt wurde. Die Idee, leerstehende Ladenlokale in Wohnraum umzuwandeln, klang zunächst modern, innovativ und lösungsorientiert.

Das Problem war nur, dass man dabei auf eine unangenehme Größe gestoßen ist:

Die Wirklichkeit.

Die Wirklichkeit besteht aus Eigentumsrechten.

Die Wirklichkeit besteht aus Bauordnungen.

Die Wirklichkeit besteht aus Finanzierungskosten.

Und die Wirklichkeit besteht aus Eigentümern, die nicht die Absicht haben, ihre Immobilien nach kommunalpolitischen Wunschvorstellungen umzubauen.

Zeitweise hatte ich den Eindruck, als sei man ernsthaft überrascht darüber gewesen, dass Menschen über ihr Eigentum selbst entscheiden wollen. Das war fast schon rührend. Oder erschreckend. Ich bin mir bis heute nicht sicher.

Dabei geht es mir nicht um einzelne Fehlentscheidungen. Fehler passieren. Das ist menschlich.

Mich beschäftigt etwas anderes.

Mich beschäftigt die Überheblichkeit, mit der offensichtliche Fehlentwicklungen über Jahre begleitet werden können, ohne dass daraus ernsthafte Konsequenzen entstehen.

Die politischen Verantwortlichen in dieser Stadt wurden gewählt, weil Menschen Veränderung erwartet haben. Das ist der Kern demokratischer Wahlen. Dabei geht es mir nicht um verlorene Wahlen oder persönliche Enttäuschung. Demokratie lebt davon, dass die einen gewählt werden, andere eben nicht. Entscheidend ist, was nach der Wahl mit dem Vertrauen geschieht, das Menschen gegeben haben. 

Gerade weil ich mich einmal politisch eingebracht habe, weiß ich, wie schwierig kommunale Entscheidungen sein können. Ich kenne die Zwänge, die Kompromisse und die Grenzen des Machbaren. Aber Schwierigkeit darf nicht zur Ausrede werden, die Realität nicht mehr anzusehen.

Menschen wählen nicht Verwaltung.

Menschen wählen Hoffnung.

Wenn dann bereits nach relativ kurzer Zeit der Eindruck entsteht, dass Wahlversprechen im Nebel administrativer Routinen verschwinden, entsteht zunächst Enttäuschung, später Resignation.

Und irgendwann entsteht etwas, das Demokratien gefährlicher werden kann als jede populistische Parole:

Der Verlust des Glaubens daran, dass überhaupt noch jemand Verantwortung übernimmt.

Menschen zerbrechen selten an einer einzelnen Enttäuschung.

Sie zerbrechen an der Wiederholung.

Die Straße bleibt schmutzig.

Die Schaufenster bleiben dunkel.

Die Probleme bleiben sichtbar.

Die Erklärungen werden länger.

Und die Verantwortung diffuser.

Irgendwann hören Menschen dann auf, sich aufzuregen.

Sie hören einfach auf, noch etwas zu erwarten.

Und genau das beobachte ich inzwischen in meiner eigenen Stadt.

Die Menschen sind nicht mehr nur wütend.

Sie sind müde.

Müde von den Erklärungen.

Müde von den Versprechungen.

Müde von einer politischen Kultur, die sich selbst offenbar für deutlich erfolgreicher hält, als sie in der Lebenswirklichkeit vieler Bürger tatsächlich wahrgenommen wird.

Das Tragische an Emmerich ist nicht, dass die Stadt verkommt.

Natürlich können Städte Probleme haben. Natürlich können sie sich auch wieder erholen. Das ist nicht der Punkt.

Das Tragische ist etwas anderes.

Das Tragische ist, dass diejenigen, die diesen Prozess seit Jahren begleiten und verantworten, offenbar noch immer glauben, sie würden gestalten.

Dabei drängt sich mir zunehmend der Eindruck auf, dass hier längst nur noch der Niedergang verwaltet wird – mit einer Selbstgewissheit, die fast schon beeindrucken könnte, wenn ihre Folgen nicht für jeden sichtbar wären, der mit offenen Augen durch diese Stadt geht.

Denn man muss kein Stadtplaner sein, um zu erkennen, dass eine Innenstadt mit über fünfzig Leerständen ein massives Problem hat.

Über 50 Leerstände sind kein Strukturwandel mehr.

Das ist eine Diagnose.

Man muss kein Wirtschaftsexperte sein, um zu begreifen, dass eine Steinstraße mit einer Leerstandsquote von nahezu einem Viertel nicht „vor Herausforderungen steht“, sondern ausblutet.

Vielleicht ist das der eigentliche Skandal in meiner Heimatstadt:

Nicht der Verfall.

Nicht die Leerstände.

Nicht einmal die politische Hilflosigkeit.

Der eigentliche Skandal ist die bemerkenswerte Gelassenheit, mit der all dies inzwischen betrachtet wird.

Als sei der Niedergang einer Stadt ein Verwaltungszustand.

Als sei Resignation eine Strategie.

Und als könne man den ewig gestrigen Muff einfach lange genug verwalten, bis er irgendwann wieder nach Zukunft riecht.

Das wird er nicht.