Essay 40: Die Freiheit der anderen

Die Freiheit der anderen

Eine Demokratie zeigt sich nicht nur daran, dass Menschen wählen dürfen.

Sie zeigt sich vor allem daran, wie sie mit denen umgeht, die nicht zur Mehrheit gehören.

Denn die eigentliche Stärke einer freien Gesellschaft zeigt sich nicht dort, wo alle Menschen gleich denken, gleich leben oder dieselben Überzeugungen haben. Sie zeigt sich dort, wo Menschen verschieden sein dürfen und trotzdem denselben Wert besitzen.

Genau das ist der Kern von Freiheit.

Freiheit bedeutet nicht, dass ich nur dann frei sein darf, wenn andere meine Lebensweise gutheißen. Freiheit bedeutet, dass mein Leben nicht davon abhängen darf, ob jemand anderes es akzeptiert.

Das klingt selbstverständlich. Ist es aber nicht.

Mich beschäftigt deshalb weniger eine einzelne politische Zahl in einer Wahlumfrage als die Frage, was hinter solchen Entwicklungen steht. Was geschieht mit einer Gesellschaft, wenn Menschen beginnen, offen darüber zu diskutieren, ob bestimmte Gruppen wirklich dazugehören? Was geschieht, wenn die Würde einzelner Menschen nicht mehr als unverhandelbar betrachtet wird, sondern als eine Frage politischer Mehrheiten?

Eine Demokratie lebt von unterschiedlichen Meinungen. Sie lebt davon, dass Menschen streiten, widersprechen und um den richtigen Weg ringen. Das gehört zu einer offenen Gesellschaft.

Aber eine Demokratie bedeutet nicht, dass alles zur Diskussion gestellt werden darf.

Die Freiheit des einen endet dort, wo die Freiheit des anderen abgeschafft werden soll.

Es ist ein grundlegender Unterschied, ob jemand eine politische Entscheidung kritisiert oder ob er die Gleichwertigkeit von Menschen infrage stellt. Es ist ein Unterschied, ob man über gesellschaftliche Entwicklungen diskutiert oder ob man Menschen aufgrund ihrer Herkunft, ihrer Religion, ihres Geschlechts oder ihrer sexuellen Identität die gleiche Würde abspricht.

Eine offene Gesellschaft muss Widerspruch aushalten.

Sie muss aber nicht akzeptieren, dass Intoleranz als normale politische Position behandelt wird.

Toleranz bedeutet nicht, alles gutzuheißen.

Toleranz bedeutet, Menschen ihre Freiheit zu lassen, auch wenn wir ihr Leben nicht verstehen oder nicht so leben würden.

Genau hier liegt eine der schwierigsten Aufgaben einer Demokratie. Sie muss offen bleiben, ohne sich selbst aufzugeben. Sie muss verschiedene Meinungen zulassen, ohne die Grundlagen zu verlieren, auf denen dieses Zusammenleben beruht.

Denn Freiheit ist kein Besitz der Mehrheit.

Freiheit ist auch der Schutz der Minderheit.

Das wird manchmal vergessen. Mehrheiten können Wahlen gewinnen. Sie können politische Richtungen bestimmen. Aber sie dürfen nicht darüber entscheiden, welchen Wert ein Mensch hat.

Die Geschichte zeigt, wie gefährlich es wird, wenn Gesellschaften beginnen, zwischen Menschen zu unterscheiden, deren Leben als selbstverständlich gilt, und Menschen, deren Existenz erst begründet oder verteidigt werden muss.

Eine freie Gesellschaft darf diesen Weg nicht gehen.

Sie muss sich daran messen lassen, wie sie mit denen umgeht, die anders sind. Nicht, weil Anderssein etwas Besonderes wäre. Sondern weil Vielfalt eine Realität menschlichen Lebens ist.

Menschen sind verschieden.

Sie lieben unterschiedlich.

Sie glauben unterschiedlich.

Sie leben unterschiedlich.

Die Aufgabe einer Demokratie besteht nicht darin, diese Unterschiede zu beseitigen. Ihre Aufgabe besteht darin, einen Raum zu schaffen, in dem diese Unterschiede ohne Angst gelebt werden können.

Das ist keine Selbstverständlichkeit. Es ist eine Errungenschaft, die immer wieder verteidigt werden muss.

Dabei geht es nicht darum, Menschen mit anderen politischen Ansichten auszugrenzen. Eine Demokratie muss auch unbequeme Meinungen aushalten.

Aber sie muss klar bleiben, wenn die Grenze erreicht ist.

Wenn aus Kritik Ablehnung wird.

Wenn aus Ablehnung Ausgrenzung wird.

Wenn aus Ausgrenzung die Vorstellung entsteht, manche Menschen hätten weniger Anspruch auf Freiheit als andere.

Dann geht es nicht mehr nur um eine politische Diskussion. Dann geht es um die Frage, welche Gesellschaft wir sein wollen.

Eine Gesellschaft, in der Freiheit nur für diejenigen gilt, die der Mehrheit entsprechen?

Oder eine Gesellschaft, in der Freiheit gerade dort sichtbar wird, wo Menschen verschieden sein dürfen?

Die Freiheit einer Demokratie zeigt sich nicht darin, dass die Mehrheit bekommt, was sie möchte. Sie zeigt sich darin, dass auch die anderen sicher sein können, dazuzugehören. Denn die entscheidende Frage einer freien Gesellschaft lautet nicht:

Wie frei sind die Menschen, die ohnehin dazugehören?

Sondern:

Wie frei sind die Menschen, deren Anderssein die Mehrheit herausfordert?