Hohe Laufleistung
Vor einigen Wochen habe ich mir ein Auto gekauft. Einen vierundzwanzig Jahre alten VW Golf Variant. Kein Fahrzeug, nach dem sich Menschen umdrehen. Kein Auto, das Bewunderung auslöst oder irgendeinen gesellschaftlichen Status vermittelt. Der Lack trägt Kratzer, die Karosserie die eine oder andere Beule, und der Motor braucht morgens manchmal einen Moment länger, bis er sich entscheidet anzuspringen.
Ich mag dieses Auto. Nicht trotz seines Alters. Sondern vielleicht gerade deshalb.
Irgendwann musste ich über mich selbst lachen. Ich hörte mich sagen: „Eigentlich ist dieses Auto wie ich.“
Es hat eine hohe Laufleistung. Es trägt Gebrauchsspuren, hat Beulen und Kratzer. Es sieht nicht mehr aus wie neu. Und der Motor braucht gelegentlich etwas länger, bis er auf Touren kommt. Aber wenn er läuft, dann läuft er. Und vor allem ist es grundsolide und zuverlässig.
Je länger ich darüber nachdenke, desto weniger erscheint mir dieser Vergleich absurd.
Wir leben in einer Zeit, in der vieles möglichst neu sein soll. Glatt. Makellos. Leistungsfähig. Alter wird häufig mit Verschleiß verwechselt und Gebrauchsspuren mit Wertverlust. Dabei erzählen doch gerade die Spuren eine Geschichte.
Ein Kratzer bedeutet nicht zwangsläufig einen Schaden. Manchmal erzählt er einfach davon, dass etwas benutzt wurde. Dass etwas unterwegs war. Dass jemand gelebt hat.
Mein Golf hat einen großen Kofferraum. Eine große Ladefläche. Er kann Lasten transportieren. Ich habe mich dabei ertappt, dass auch dieser Gedanke etwas in mir berührt.
Manche Dinge sind nicht dafür gebaut, Eindruck zu machen. Manche sind dafür gebaut, etwas zu tragen. Vielleicht gilt das auch für Menschen.
Wir sehen oft die Müdigkeit, die kleinen Macken, die Falten oder die Momente, in denen jemand nicht mehr ganz so schnell unterwegs ist wie früher. Aber wir sehen selten, was dieser Mensch bereits getragen hat. Verantwortung. Verluste. Enttäuschungen. Hoffnung. Manchmal auch andere Menschen.
Vielleicht erzählen gerade die Gebrauchsspuren davon.
Mein alter Golf muss niemandem mehr etwas beweisen. Er muss nicht schöner sein als andere Autos. Nicht moderner. Nicht schneller. Es genügt, dass er zuverlässig seinen Weg fährt.
Ich merke, dass mir dieser Gedanke gefällt. Vielleicht kommt irgendwann im Leben der Moment, in dem es nicht mehr darum geht, wie makellos wir wirken. Sondern darum, ob wir gelernt haben, unsere Geschichte mit uns zu tragen, ohne uns für sie zu schämen.
Ich glaube nicht, dass Würde etwas mit Perfektion zu tun hat.
Vielleicht hat sie vielmehr mit einer hohen Laufleistung zu tun.
Mit den Beulen, die geblieben sind.
Mit den Kratzern, die man nicht mehr wegpoliert.
Mit dem Wissen, dass manches Zeit braucht, bis es wieder anspringt.
Und mit der leisen Gelassenheit, trotzdem weiterzufahren.
Mein Golf und ich haben vermutlich mehr gemeinsam, als ich zunächst gedacht habe:
Wir sind beide nicht mehr neu.
Aber wir sind noch immer unterwegs.
